Blutspende hängt selbst am Tropf: Roter Saft wird knapp
(19.07.2010) Nordeifel - Urlaubszeit, Unfallzeit auf Fernstraßen und Autobahnen! Und so schlägt der Leiter einer medizinischen Notfallambulanz im Nordkreis der Städteregion Alarm: „So dramatisch gering wie augenblicklich waren unsere Reserven an Blutplasma noch nie! Es gibt akute Versorgungs–Engpässe für Kranke und Verletzte. Und dabei haben die großen Ferien gerade erst begonnen!“
In der Tat: Ein Blick in die Statistik der Rotkreuz-Blutspendenkoordinatorin für Monschau/Simmerath gibt Anlass zur Sorge. Lucie Kell: „Die erste Nachkriegskollekte war 1954 in Monschau. Zu Beginn sporadischer Aktionen in verschiedenen Nordeifelorten wurde anfänglich zweimal jährlich zur Spende geladen, inzwischen viermal in insgesamt zwölf Monschauer und Simmerather Ortsteilen. Erschienen 1992 noch knapp 3000 Männer und Frauen zum Aderlass im Sinne des Nächsten, so waren es 2009 nur noch gut 2000, ein rundes Drittel weniger.“
Ferien und Hitze
Im Gespräch mit Friedrich-Ernst Düppe, Pressesprecher des DRK–Blutspendedienstes West in Breitscheid (Ratingen), und seinem für die Öffentlichkeitsarbeit in den Nordeifelorten zuständigen Kollegen Georg Simon aus Kohlscheid werden auch überregional der Negativtrend und Ernst der Lage mehr als deutlich. „Täglich sind bis zu 14 unserer Teams in ihrem Zuständigkeitsgebiet im Einsatz, um den Tagesbedarf von Krankenhäusern und Arztpraxen an Plasma zu befriedigen. Diese benötigen zur optimalen Behandlung ihrer Patienten im 24 Stunden-Takt durchschnittlich 1200 Konserven, wir können ihnen momentan aber nur 850 liefern, ein Minus von 35 Prozent.“Den drastischen Rückgang an Vorräten des Lebenselixiers führen Düppe und Simon wesentlich „auf die Sommerferien und die außergewöhnlich anhaltende Hitzeperiode“ zurück. Die argen Konsequenzen: Dringend notwendige Operationen müssen verschoben werden, weil die Vorräte an Blutplasma regelrecht ausbluten. Allein um den täglichen Bedarf einer Klinik wie des Simmerather St. Brigida–Krankenhauses zu decken, müsste die ausschließliche Ausbeute von 20 Terminen eines Dorfes wie Eicherscheid verwendet werden.
„Im vergangenen Jahr“, berichtet Georg Simon, „mussten wir innerhalb der Städteregion mehr als doppelt so viele Patienten mit lebensrettenden Rationen versorgen, als uns zur Verfügung standen. Nicht einmal 10 000 Spendern im Altkreis Aachen standen 18 400 Bedürftige einer rettenden Dosis gegenüber.“ Ein unliebsamer und gefährlicher Trend, der offensichtlich momentan nicht zu stoppen ist. Denn seit sechs Jahren zeigt die Kurve kontinuierlich nach unten, auch in der Nordeifel. Allein 2009 besuchten gegenüber 2008 rund 200 Freiwillige weniger die Termine des Monschau/Simmerather Ortsvereins.
Verkehrsopfer nur elf Prozent
Entgegen landläufiger Meinung stellen die Opfer von Verkehrsunfällen nur elf Prozent aller mit Plasma zu Versorgenden. An der Spitze der Bedürftigkeitsskala rangiert vielmehr mit Abstand die Krebstherapie (30 Prozent), gefolgt von Herz-Kreislauferkrankungen (23 Prozent).
Monschaus DRK–Ortsverein versucht tapfer, mit kleinen Schritten aus der Krise zu kommen. So verweisen die Verantwortlichen auf einen bedeutenden Sozialaspekt; von jeder erzielten Spende wird ein Euro für ein Mittagessen bedürftiger Grundschüler abgezweigt. Vor allem aber gilt es, Erstspender zu rekrutieren. So gab es in Eicherscheid gleich eine erfolgreiche Doppelpremiere.
Der 18–jährige Simon Kell aus Hochneukirch bei Neuss nutze seine erste Fahrt als frischgebackener Führerscheininhaber zum Besuch des Spendentermins im Golddorf: „Jeder kann jederzeit Hilfe brauchen. Darum spende ich!“ Und der 41–jährige Eicherscheider Jochen Schütt („Ich wollte schon immer spenden“) gab sich ebenfalls einen Ruck. (M.S.)
Quelle: Eifeler Zeitung / Eifeler Nachrichten vom 19.07.2010
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